Was ihr schon immer über Island wissen wolltet



Auf speziellen Wunsch   kommt hier schon vor dem Bergfest eine neue Folge der beliebten Reihe: Alltag in Island, Kunst&Kultur,Essen&Trinken usw.

Nach meinen Reitausflug muss ich zugeben, dass mich ganz schön der Muskelkater quaelt. Deswegen war ich am Sonntag auch etwas schwer in Bewegung zu setzen, hatte mich dann aber doch aufgerafft und wollte mir etwas Kultur gönnen. Deswegen bin ich ins Nationalmuseum von Island gefahren, denn laut Reisefuehrer war der Eintritt frei. Das islaendische Bussystem ist leider etwas verwirrend. Es sind naemlich auf dem Busfahrplan, den es auf jeder Reykjavik-Karte hintendrauf gedruckt gibt,wenig Haltestellen angegeben, und die unterschiedlich farbigen Linien ueberschneiden sich manchmal so, dass einfach die Farbe schwarz als Symbol „hier fahren Busse lang“ genommen wird. Das ist natuerlich weniger hilfreich. Ausserdem ist auf dem Busfahrplan kein Strassennetz dazugemalt. Mangels Haltestellen und mangels Strassennamen kann man also nur anhand der Himmelsrichtung ungefaehr schaetzen, welchen Bus man nehmen könnte.

Hlemmur


Auf diese Weise hat es etwas laenger gedauert, bis ich die Linie 3 als die  Guenstigste identifizieren konnte. Zum Glueck liegt mein Hotel quasi um die Ecke von Hlemmur (sprich: H-chle-mm-ue-rch), sozusagen der Zentralhaltestelle von Reykjavik, und der Fussweg, der auf Grund des beginnenden Muskelkaters langsam schwierig wurde, war nur kurz. Im Nationalmuseum wurde mir klar, dass mein Reisefuehrer mich wiedermal belogen hatte: ich musste 500 kr bezahlen (also etwa 3,30&euro um rein zu duerfen. Und Gott sei Dank konnte ich die Frau am Einlass auch davon ueberzeugen, dass ich Studentin einer auslaendischen Uni war, und musste keine 750 kr bezahlen.  Wahrscheinlich klang „Technical University of Mining Freiberg“ einfach so beeindruckend, dass sie nicht glaubte, dass ich mir das ausgedacht hatte (meinen Ausweis hatte ich natuerlich vergessen).

Ich hatte mir allerdings das Museum etwas spannender vorgestellt: ueberall grosse Tafeln auf denen man lesen musste, alte Schwerter und Ringe, Kochtöpfe und solche Sachen. Manchmal hat auch eine nette Stimme aus dem Computer was erzaehlt. Im Groben wurde also die Geschichte Islands von der Besiedelung ungefaehr im 8.Jahrhundert n.Chr. ueber die Zeit der Christianisierung, der Aufklaerung und der Moderne erzaehlt. Naja ...  ich habe es zumindest mal gesehen, und bis zur Aufklaerung habe ich es sogar geschafft, mir fast alle Tafeln durchzulesen. Interessant war nur, um wiedermal auf das Vulkanproblem zurueckzukommen, das Jahr 1783, als der Vulkan Krafla explodierte und riesige Risse die Landschaft teilten, aus denen Lava quoll. Die Eruption war so heftig, dass eine Flaeche so gross wie Reykjavik und Umgebung von der Lava begraben wurden. Im Folgejahr waren die Ernten auf der ganzen Nordhalbkugel so schlecht, dass von einem Hungerjahr gesprochen wurde. Und in Island selbst sah es ganz bitter aus. Sowohl das Vieh als auch alle Pflanzen gingen ein, und ein Drittel der Bevölkerung starb den Hungertod. Die Menschen mussten damals sogar ihre eigene Haut oder Schuhleder essen, um zu ueberleben. Wahrscheinlich vergifteten sie sich aber eher dran.


Ausserdem war noch ein Raum interessant, in dem man Kettenhemd, Haube, Schwert und Schild anprobieren konnte. Ganz schön schwer der ganze Kram. Damit haette ich nicht stundenlang durch die Gegend rennen wollen. Und man konnte ausprobieren, wie es ist, im Damensattel zu reiten. Auch eine unbequeme Angelegenheit.

Ich als Ritter

Und weil so schönes Wetter war, bin ich nach meinem Mueseumsbesuch in islaendischer Manier an der Strandpromenade entlang gejoggt ... spaeter dann gekeucht.


Gestern ging dann wieder der Arbeitsalltag los. Aber auch: endlich wieder Vollverpflegung. Diese Woche ist allerdings islaendische „Diaet“-Woche in der Kantine. Es gibt nur so Leckereien wie Eintopf,Stockfisch, Leber und Blutwurst und geraeuchertes Lamm. Baehhh. Mir ist klar, warum die das Diaetwoche nennen. Bei diesen Gerichten isst ja jeder nur Salat. Oder die Auslaender zumindest. Wahrscheinlich wollen die Islaender die Suenden der letzten Wochen wieder loswerden. Da gab es naemlich beinahe jeden Tag Kuchen. Und was das fuer Kuchen ist. Der ist SOOO suess, das ist echt widerlich. Dafuer habe ich jetzt auch den Grund erfahren: bis vor ein paar Jahrzehnten war Zucker ein sehr knappes Gut in Island, und allgemein waren suesse Speisen selten. Gibt hier ja auch keinen Honig oder so. Leute, die Zucker hatten, waren reich und angesehen. Und um das noch zu unterstreichen galt es als höchst schicklich und dekadent, wenn man seinen Gaesten Speisen reichte, aus denen der Zucker nur so rausquoll. Seht mal her wie reich ich bin, ich kann mir leisten, euch mit meinem Zucker die Zaehne aus dem Kiefer zu ziehen. Und die Gaeste dachten dann: was fuer ein toller Hecht, mit seinem vielen Zucker. Der hats wirklich geschafft. Aus irgendeinem Grund hat sich dieses Gehabe  bis heute gehalten. Boggi, der Kuechenchef, hat unlaengst das Rezept fuer seinen islaendischen 500%-Schokoladenkuchen veröffentlicht.


Fuer alle Interessierten: man nehme 250 g Zucker, 250 g Butter,400 g im Wasserbad geschmolzene Schoki, 4 ganze Eier und 3,5 EL Mehl und vermische alles zu einer braunen klebrigen Paste. Diese dann bei 150 °C im Ofen fuer 40 min backen. Die Schokibombe kann gerne noch mit Schokostreuseln, Gummibaerchen, Smarties, Lakritze oder anderen suessen Versuchungen dekoriert werden. Und ganz wichtig, vorm Verspeisen ordentlich rote Erdbeer-Zucker-Sosse auf dem Kuchen verteilen und die grosse Portion Schlagsahne nicht vergessen!

 

Schoki-Bombe


Man möchte meinen, die Islaender essen so viel Suesskram, weil sie ihren Endorphinspiegel anheben muessen, der waehrend der Wintermonate auf absolutem Tiefstand dahinduempelt. Ich habe mal nachgefragt, wie das so ist, mehr als 4 Monate mehr oder weniger in Dunkelheit leben zu muessen. Zunaechst waere man die ganze Zeit muede, man isst mehr, hat zu nichts Lust und wird depressiv letztendlich. Hmm, verlockend! Die Islaender allerdings wissen sich mit lustigen bunte Pillen dagegen zu helfen. Die Anzahl derer, die Psychopharmaka oder Antidepressiva abhaengig sind ist erschreckend hoch. Allerdings sind die Islaender weniger anfaellig gegen Depressionen als andere Menschen. Grund: natuerliche Selektion. Alle die, die das Leben ohne Sonne nicht ertragen konnten, hatten sich umgebracht, bevor sie ihre Gene weitergeben konnten. Und so ueberlebten nur die depressionsresistenten Gene. Interessante Theorie.


Heute habe ich auf icenews.is gelesen, dass Island sich endlich dafuer entschlossen hat, zu fragen, ob sie in der coolen EU-Gang mitmachen darf. Wenn Griechenland rausgekickt wird, ist ja wieder der Platz des finanziellen Sorgenkindes zu besetzen . Nein, aber der Hauptgrund, warum Island so lange nicht in die EU wollte, war die starke Fischindustrie, die ihre Fischgruende nicht an norwegische Fischstaebchenschlepper abtreten wollten. Obwohl die Fischindustrie eine starke Lobby ist, haben sich die meiste Islaender dagegen gewendet und wollen die Fischer entmachten. Denn die „Fischpolitik“ ist im Prinzip wirklich daemlich. Weil vor ungefaehr tausend Jahren Island saemtliche Fischgruende leergefischt hatte, wurde in diesen Zeiten an die damaligen Fischer Fangquoten verteilt, basierend auf dem Fang, den sie im letzten Jahr gemacht hatten. Diese Quoten wurden seither NIE wieder neu berechnet. Jeder Fischer durfte also nicht mehr Fang machen als sein Nachbar, wenn dessen Quote höher war. Und das Daemlichste war, dass diese Quoten vererbt wurden, bis heute. Allerdings wurde nicht beachtet, dass die Fischer untereinander die Quoten verkaufen oder verleihen konnte. So gibt es heute Familien, die den ganzen Tag ueber nichts machen aber trotzdem viel Geld bekommen, weil der Uropa mal ein Fischerboot hatte. Die Familie aber hat die geerbte Quote verliehen und sahnt dafuer ordentlich Geld ab. Das ist natuerlich vielen Islaendern ein Dorn im Auge. Ausserdem sind alte Fischerdörfer ausgestorben, bzw. Es wird dort nicht mehr gefischt, weil die Quoten nicht mehr an dem Ort sind und irgendwo anders hin verkauft wurden. In Isafjördur in den Westfjorden gibt es einen unglaublich hohen Fischbestand, aber niemand geht dort fischen, weil es keine Quoten dafuer gibt.
Nicht clever, diese Islaender! Kommt in die EU und wir bringen euren Unsinn wieder in Ordnung


Am Samstag werde ich hoffentlich neue Informationen besorgen können, denn ich werde voraussictlich mit der Haskólí Ísland, der islaendischen Universitaet, zum Rettír (sprich: Retti-rch-sch), dem alljaehrlichen Schafezusammentreiben gehen. Es bleibt also hoffentlich weiterhin spannend.
In diesem Sinne
Liebste Gruesse
Eure Susi

PS: vielen lieben Dank für eure Gästebucheinträge - es freut mich immer sehr

13.9.11 19:31
 
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