Krasser Wind und krasse Wellen.

Heute ist der erste Tag, an dem es kalt ist, und wie verrückt stürmt. Gerade bei meinem Hotel, dass ja direkt am Meer liegt, ist es so windig, dass man Mühe hat, gegen den Sturm zu laufen. Wenn das hier das alltaegliche Winterwetter ist, dann Gute Nacht!


Aber kommen wir wieder zu der allseits beliebten Reihe: Informationen rund um Island, Leben&Arbeiten,Kunst&Kultur,Geschichte&Natur. Heute will ich ein paar Informationen zum Besten geben, die ich waehrend der vergangen Tage natuerlich fleissig gesammelt habe. Und weil wir wieder „Bergfest“ haben, schreibe ich diesen Bericht auch (man moege es mir verzeihen), in meiner Arbeitszeit. Man erkennt es vielleicht schon an den vielen Umlauten, die ich benutzen muss, da mir leider keine deutsche Tastatur zur Verfuegung gestellt wurde. Und ich war wirklich erstaunt, dass namenhafte PC-Hersteller und Ausruester tatsaechlich Tastaturen herstellen fuer ein Land, in dem sie wahrscheinlich nicht mehr als 300.000 Stueck davon absetzen koennen – gibt ja nicht mehr Leute, die so eine Tastatur brauchen wuerden. Dafuer gibt es hier drauf lustige Buchstaben – þ,Þ,ð,Ð,æ,Æ. Ich weiss schon, dass þ wie ein „th“, zum Beispiel in „thing“ oder „this“ ausgesprochen wird, wo aber die Besonderheit in dem verkrueppelten D liegt, werde ich noch herausfinden.


Das Islaendisch gehoert uebrigens zu einer der aeltesten und unverfaelschsten Sprachen der Welt! Denn frueher, ganz ganz frueher, sprach man in den Skandinavischen Laendern einfach nur Nordisch. War wie Latein, konnte damals jeder, zumindest in Skandinavien. Als sich die Norweger dann aufmachten um nach Island auszuwandern, warum auch immer, (das war uebrigens im 3.Jahrhundert n.Chr.! Wer war´s gewesen? Natuerlich die Wikinger!), nahmen sie ihre Sprache mit. Durch die Isolation auf der Insel, weil wohl niemand so recht etwas mit den Nordmaennern zu tun haben wollte, blieb die Sprache zum Grösstenteil so rein, dass die Islaender auch heute noch Schriften aus dieser Zeit ohne jegliche Probleme lesen können (uebrigens ist das „ö“ der einzige Umlaut auf der Tastatur). Und Sprachforscher freuen sich natuerlich enorm, hier exklusiv erleben zu können, wie man frueher im Norden so gesprochen hat.


Obwohl Islaendisch wirklich richtiges Kauderwelsch ist, sind hier 99,9% der Bevölkerung des Lesens und Schreibens maechtig. Damit hat Island mit eine der niedrigsten Analphabetenraten der Welt! Das liegt sicher auch daran, dass hier der Schul- und Universitaetsbesuch fuer alle kostenlos und fuer alle gleich ist, es gibt also keine elitaeren Schulen oder so (wieder etwas, woran sich Karl Marx zweifelsohne gefreut haette!). Die Kinder vom Land besuchen die Schulen als Internate, sind also ueber der Woche in der Schule und fahren nur am Wochenende nach Hause. Und ich habe diese Schulen gesehen! Die liegen mitten im Nirgendwo, da gibt es noch nicht mal ein Dorf dazu! Nur die Schule, und vielleicht vielleicht eine Kirche. Kein Wunder, dass manche Islaender etwas wunderlich werden – bei so einer Isolation. Fördert aber vielleicht die Lernstimmung. Waere eventuell auch eine Massnahme fuer deutsche, schwer erziehbare Jugendliche oder so. Schicken wir also die vielen deutschen Problemkinder auf islaendische Schulen! Ausserdem gibt es hier 13 Unis! 13 Unis fuer 300.000 Einwohner! Das ist wirklich verdammt viel. Vielleicht denken die Islaender voraus, denn im Gegensatz zu anderen europaeischen Staaten waechst die Bevölkerung hier. Fuer 2045 werden sogar 435.000 Einwohner erwartet! Im Prinzip können sich die Islaender so eine Bevölkerungsexplosion auch leisten (im Gegensatz zu afrikanischen Laendern oder so, die ihre Menschen gar nicht versorgen können), denn hier gibt es Platz zum einen (2/3 der Landflaeche gilt als unbewohnbar, da man weder auf einem Gletscher, noch auf Vulkanen oder in Wuesten leben möchte) und unglaublich viel Energie.

Island produziert jetzt schon 5 mal mehr Energie, als es eigentlich zum „leben“ benötigen wuerde. Das Geothermalkraftwerk Hellisheiði (an dem ich zufaellig gerade arbeite) produziert 220 MW Strom! Und das noch nichtmal unter Volllast. Es kann 300 MW Strom und 400 MW Thermische Energie erzeugen, und damit den Bedarf von Island allein stillen. Durch die tektonische Aktivitaet und daraus schlussfolgernd der vulkanischen Aktivitaet ist die Erde in geringen Tiefen bereits so heiss, dass eindringendes Grundwasser sofort zu Dampf in ueberkritischem Zustand wechselt. Wird dieser Dampf gefördert durch eine Geothermiebohrung und in ein Geothermiekraftwerk geleitet, wo der Dampf wiederum Turbinen antreibt und Waerme liefert, kann richtig viel Energie produziert werden – sauber, langanhaltend, und ohne viel Wartungsarbeiten (so ein Kraftwerk braucht höchstens 2 Mann, um betrieben zu werden). Davon können wir in Deutschland wirklich nur traeumen. Jedenfalls, was macht Island mit der ueberschuessigen Energie? Verkaufen geht schlecht, weil sich das mit dem Transport unguenstig macht. Man kann ja nicht einen Container Energie nach Frankreich verschiffen oder so. Also holt sich Island die Industrien ins Land, die viel Energie benötigen. Aluminiumschmelzen oder die Computerindustrie beispielsweise.  Ausserdem beheizen sie auch ihre Gewaechshaeuser mit geothermischer Energie, und sind so in der Lage, Obst und Gemuese in rauhen Mengen anzupflanzen. Und sogar viele viele Blumen!  Clever, diese Islaender! Bei der Umgebung wuerde ja nicht mal eine muede Möhre wachsen, aber so können sie sogar Kirschen und Bananen anbauen. Da aber das ganze nicht staatlich unterstuetzt wird, bzw. Fleisch und Getreide, Obst und Gemuese nur privat erzeugt werden, bezahlt man auch entsprechende Preise dafuer. Das wiederum finde ich ziemlich unlogisch.


Und sie haben sich ja auch Gedanken gemacht, wie man umweltfreundlich Auto fahren kann, denn die meisten Autos sind hier immer noch Verbrenner. Elektroautos waeren wohl die naheliegendste Lösung – aber: der Islaender denkt weiter! Da bei Elektroautos ja immernoch die umweltschaedlichen Batterien anfallen, und sie sowieso viel zu viel Energie haben, können sie auch Wasserstoff herstellen und mit dem ihre Autos betreiben! Wirklich clever, diese Islaender.


Nach beinah 3 Wochen hier kann ich mir auch eine erste Einschaetzung von den Islaendern an sich erlauben, ganz objektiv betrachtet. Sie sind neugierig am Anfang, und höflich. Aber nachdem der erste Kontakt hergestellt ist, ziehen sie sich wieder zurueck. Sie sind verschlossene Menschen, aber durchaus hilfsbereit. Sie gehen nicht auf andere zu, sind vielleicht schuechtern. Sie bleiben unter sich, da sie alle Islaender als ihre erweiterte Familie ansehen, und reden untereinander meist nur Islaendisch, auch wenn Auslaender anwesend sind (wie ich bspw.). So entsteht der Eindruck von netten Menschen, von guten Menschen, aber von kuehlen, nordischen „Eismaennern“ (und Frauen!).

7.9.11 20:19
 
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